Sadiq al-Azm und die syrische Revolution

Ach, wenn mir doch diese begrenzte Zeit reichen würde, um der ganzen langen Geschichte dieses Einzelkämpfers, der sich der Sorgen der Menschen zu seinen machte, gerecht zu werden! Sadiq Jalal al-Azm entschied sich, nicht dem Konsens nachzugeben, und oft genug geriet er mit dieser oder jener politischen oder intellektuellen Richtung in Konflikt. Er stand mitten drin bei intellektuellen Auseinandersetzungen, sei es in Syrien, im Libanon oder in der palästinensischen Nationalbewegung. Und die Meinung, die er vertrat, war fern von „orthodox“, wie wir damals zu sagen pflegten. Er sah sich – wenn Sie so wollen – nicht nur in Konfrontation zur religiösen Orthodoxie, sondern auch zur Orthodoxie des Marxismus.

Continue Reading

Sadiq al-Azms Texte – ein Vergleich von Beirut nach Berlin

Ich habe Sadiq Jalal Al-Azm zum ersten Mal im an Beirut angrenzenden Flüchtlingslager Burj el-Barajneh kennen gelernt. Ich war damals vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, ich kannte ihn nicht persönlich, sondern nur durch das Buch „Selbstkritik nach der Niederlage“ aus der neugegründeten Bibliothek der Palästinensischen Frauenunion, die viele zum Lesen animierende Büchern enthielt.

Ich nahm dieses Buch mit der Absicht, meine umgebende Welt durch das Lesen von Sachbüchern (i.e. ernt, kein Roman..) besser zu verstehen. Ich las das Buch ohne Hintergrundkenntnisse/Grundwissen/Vorwissen. Ich las es sogar mehrfach, doch mein junger Verstand und begrenztes Wissen halfen mir nicht den Inhalt zu verstehen, das Buch war wie ein Fluch.

Continue Reading

Sadiq Jalal al-Azm in unserer Erinnerung

Ich erinnere mich an die sechziger und siebziger Jahre, als wir einen geistigen Aufschwung in der arabischen Welt erhofften und Bücher der Aufklärung lasen, wie „Die Tage“ und „Die Zukunft der Kultur in Ägypten“ von Taha Hussein, oder „Der Islam und die Grundlagen des Regierens“ von Ali Abdel-Raziq und „Die Befreiung der Frau“ von Qasim Amin. Diese Bücher erfüllten uns mit Zuversicht, dass ein neues Zeitalter der Freiheit und des Fortschritts sowie eine Annäherung an das zeitgenössische globale Denken beginnen würde, mit dem die dritte Welt vom Einfluss des Kolonialismus befreit würde.

Continue Reading

Sadiq al-Azms Werk und seine Bedeutung in Europa

bitte erlauben Sie mir, meine Rede mit einigen Bemerkungen über die Umstände zu beginnen, unter denen ich Sadiq al-`Azm erstmals begegnet bin. Das war im Herbst 1969. Im September war ich nach Beirut gekommen, um eine Tätigkeit als „wissenschaftlicher Referent“ am Deutschen Orient-Institut (al-ma`had al-almani li-l-abhath ash-sharqiya) anzutreten. Dieses Institut war 1961 gegründet worden. Es besteht bis heute. Seine Aufgabe ist es, deutschen Wissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus unterschiedlichen Bereichen der Orientwissenschaften für einige Zeit die Möglichkeit zur Förderung ihrer eigenen fachlichen Qualifikation zu bieten, und zwar in einer für Orientalisten besonders anregenden Umgebung und im Kontakt mit arabischen Kolleginnen und Kollegen.

Continue Reading

Sadiq, … mein Teuerster

Eman Chaker Al-Azm – Syrien/Deutschland

Sadiq, mein Teuerster:

Sag mir Geliebter,
wie soll mein Wesen die Fäden Deiner abwesenden Anwesenheit entwirren,
die sich jetzt in den Schatten meines Lebens streut?

Sag mir
wie konnte dein großes Herz Dir erlauben mich zu verlassen,
ohne mich zu lehren, wie ich absehe von der Bitterkeit dieser Art Abschied
mit seiner außergewöhnlichen reichen und schüchternen Würde.

Sag mir Sadik:
Wie kann ich meine leidenschaftlichen Gefühle unter dem Echo Deiner geflüsterten Worte mit Deiner menschlich zarten Anwesenheit beruhigen, die den Tod lächelnd willkommen hieß, vergebend und mit Dir selbst versöhnt.

Continue Reading

Minbar Ibn Rushd – Heft 21 Frühjar 2018

Sadiq Jalal al-Azm gilt als einer der Wegweiser der Arabischen Moderne und ein herausragender Gelehrter des kritischen Denkens in der arabischen Welt.
Große Bekanntheit erlangte al-Azm durch seine 1968 und 1969 erschienenen Werke Selbstkritik nach der Niederlage und Kritik des religiösen Denkens, mit denen er zentrale Dogmen des politischen und des religiös-kulturellen Diskurses innerhalb der arabischen Gesellschaft radikal angriff. Dieses Buch und sein bereits 1965 erschienener Essay „Satans Tragödie“, mit dem er das traditionelle islamische Verständnis der Verantwortung Gottes für das Böse in Frage stellte, führten zu einer durch den örtlichen Mufti ausgesprochenen Fatwa, die ihn der Apostasie für schuldig befand und in religiösen wie akademischen Kreisen für Aufruhr sorgte.

Continue Reading

Minbar Ibn Rushd – Heft 15 Frührjahr 2014

Liebe Leser, Das Thema der arabischen Revolution und der aus ihr sich entwickelten Geistesströmungen und politischen Folgen war über mehrere Ausgaben hinweg und ist nach wie vor Gegenstand unseres Interesses. Unser Magazin hat von jeher den dringenden Aufruf zur Veränderung unterstützt und hält daran fest.In dieser Ausgabe werden einige der komplexen Probleme in der arabischen Welt behandelt.

Continue Reading

Minbar Ibn Rushd – Heft 11 Winter 2010/2011

In unserer Winterausgabe legen wir den Schwerpunkt auf das Leben von Muslimen in der Diaspora. Die Probleme der Integration werden aus drei Perspektiven beleuchtet. Gari Pavkovic ist Integrationsbeauftragter der Stadt Stuttgart und Mitglied der DIK. Er hat sich jahrelang im Stuttgarter Ausländerausschuss für humanitäre Projekte während des Kriegs in Bosnien-Herzegowina engagiert. Dr. Hamid Fadlalla ist Arzt und Geschäftsführer der Organisation für Menschenrechte in den arabischen Staaten (OMRAS/D). Und Ghassan Ibrahim ist Chef-Redakteur der in London herausgegebenen Wochenzeitung al-Arab al-Usbu’i.

Continue Reading

Statement von Nabil Bushnaq, Gründer und Ehrenvorsitzender Ibn Rushd Fund, anlässlich der al-Jabri-Gedenkfeier im Haus der Kulturen der Welt in Berlin, 30. Juni 2010, 19:30 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren Am 8. Juni 2010 wurde eine Gedenkfeier zur Ehrung von Mohammed Abed al-Jabri in Marokko veranstaltet. Alle politischen Richtungen waren vertreten. Lassen Sie mich einige […]

Continue Reading

Die Tierwelt im Koran

Bibel und Koran sind zwei Bücher, die Millionen und aber Millionen von Menschen auf dieser Erde als heilige Texte gelten. Aber obwohl sie im gleichen geographischen Raum und in miteinander in Berührung stehenden Kulturkreisen entstanden sind, sind sie doch in ihrer Art grundverschieden. Allerdings ist festzuhalten, dass es zwischen den beiden Texten vielfältige innere Beziehungen gibt.

Continue Reading

„Karikaturenstreit“ verschiedene Werte, Integration von Muslimen im „christlichen Abendland“?

Es hat lange gedauert, bis die Deutschen akzeptiert haben, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. In den 80er Jahren wurde das Konzept oder der Bergriff der multikulturellen Gesellschaft zu- erst diskutiert, heftig kritisiert und dann über die Grundlagen und Ansatzpunkte gestritten. Mit der Begründung, dass Deutschland kein klassisches Einwanderungsland wie z.B. die USA, Kanada oder Australien ist, wurde die Diskussion schließlich beigelegt.

Continue Reading

Katharina Mommsen: Goethe und der Islam

Goethes Verhältnis zum Islam gehört zu den erstaunlichsten Phänomenen in seinem Leben. Für die Religion der Muslime entwickelte er früh eine besondere Anteilnahme. Von seiner Verehrung für den Islam zeugt vor allem jenes Werk, das uns heute, neben dem Faust, als eines seiner wesentlichsten dichterischen Vermächtnisse gilt, der West-östliche Divan.

Continue Reading

Mahmud Mohammed Taha: Märtyrer des Versuchs einer Erneuerung des islamischen Denkens im Sudan

Es ist nicht möglich, Tiefe, Reichweite und Bedeutung des Denkens von Mahmud Mohammed Taha zu erfassen, ohne sich im Detail mit den historischen Wurzeln des Kampfes vertraut zu machen, der schon in den allerersten Anfängen um den heiligen Text des Islam, den Koran, entbrannt ist.

Continue Reading

Diese Realität ist fürchterlich: Sun’allah Ibrahims Ägypten zwischen medialer Selbstdarstellung und erlebter Alltagsrealität

Der Eklat um die Preisverleihung zeigt: Sun’allah Ibrahim ist ein durch und durch politischer Schriftsteller. Sein Schreiben ist eng verknüpft mit den politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Verhältnissen in Ägypten und der arabischen Welt, mit den Sorgen und Nöten der Menschen, die unter diesen Verhältnissen leben. Seine Kritik ist unbequem, er nimmt kein Blatt vor den Mund. Sein Verhältnis zur politischen Macht ist angespannt und immer wieder gerät er mit ihr in Konflikt.

Continue Reading

Minbar Ibn Rushd – Heft 06 Herbst 2004

Am 28. August 2004 fand in Oxford die 14. Jahrestagung des „Project for Democracy Studies in the Arab World“ statt. Dieses Treffen arabischer Wissenschaftler ist bemerkenswert, hat es sich doch mit den Jahren als hochgeachtetes Forum moderner arabischer Intellektueller etabliert. Auf wissenschaftlicher Ebene setzt man sich dort mit Themen auseinander, die die gesamte arabische Welt bewegen, um Auswege für scheinbar endlose Probleme zu finden. Auffallend ist dabei, dass das Forum, das im Herzen Europas gegründet wurde, von Anfang an ein Forum von Arabern für Araber ist. Schwerpunkt der diesjährigen Konferenz war das Thema „Despotismus und Gewalt in den politischen Herrschaftssystemen der modernen arabischen Welt“.

Continue Reading

Eine schwere Palästina-Reise ( 15. Oktober – 5. November 2002)

Für einen deutschen Bürger palästinensischer Abstammung ist es ein Privileg nach Palästina/Israel zu reisen. Der deutsche Pass bewirkt Wunder. Von Amman kommend überquert man die König-Hussain-Brücke wie ein ganz gewöhnlicher, fast willkommener Tourist und erspart sich die quälende Wartezeit, die „normale“ Palästinenser, die eine andere Passage benutzen, ertragen müssen. Außerdem umgeht das Sammeltaxi Jericho und damit einige Checkpoints; in etwa 30 Minuten ist das ersehnte Jerusalem in Sicht.

Continue Reading

Minbar Ibn Rushd – Heft 04 Frühjahr 2003

In Zeiten, in denen Wörter wie „Freiheit“ und „Demokratie“ im Zuge des Kampfes um Vorherrschaft über Ölreserven der Welt dermaßen mißbraucht werden – insbesondere von Staaten, die man bisher als Vorbild des demokratischen Gedankens hielt -, stehen diejenigen, die bisher an die demokratische Verfassung und an das Recht auf Freiheit jedes Bürgers und jeder Nation glaubten, ratlos da.

Continue Reading
Social media & sharing icons powered by UltimatelySocial