Rede des Preisträgers

العربية

Samir Amins Rede anlässlich der Verleihung des Ibn Rushd Preises 2009 an ihn (in arabischer Sprache).
Übergabe des Ibn Rushd Preises 2009 an Samir Amin.

Ausgang aus der Krise: Die Kapitalismuskrise überwinden – oder den Krisenkapitalismus

Von Samir Amin

Der Kapitalismus – ein Zwischenspiel der Geschichte

Das Prinzip endloser Akkumulation, also das Wesen des Kapitalismus, ist gleichbedeutend mit exponentiellem Wachstum; letzteres aber führt, wie Krebs, zum Tode. John Stuart Mills, der das erkannte, malte sich einen „stationären Zustand“ aus, der diesem irrationalen Prozess ein Ende setzen werde. John Maynard Keynes teilte die Zuversicht, dass die Vernunft siegen werde. Doch keiner von beiden verfügte über das Instrumentarium, mit dem sich erkennen lässt, wie die notwendige Überwindung des Kapitalismus auf Dauer zu erreichen wäre. Marx hingegen konnte sich, indem er dem neuen Klassenkampf die ihm gebührende Bedeutung beimaß, die Aufhebung der Machtkonzentration der Kapitalistenklasse vorstellen. Heutzutage liegt diese Macht in den Händen der herrschenden Oligarchie.

Die Akkumulation, die zugleich Pauperisierung, Verelendung bedeutet, gibt den Kämpfen gegen den Kapitalismus ihren objektiven Rahmen. Hauptsächlich findet die Akkumulation ihren Ausdruck jedoch im zunehmenden Gegensatz zwischen dem Überfluss der Gesellschaften im Zentrum des Weltsystems, die von der imperialistischen Rente [Der Begriff bezieht sich darauf, dass Imperialismus durch gewalttätige Formen der Enteignung eine Art „Sonderdividende“ erzielt, die nicht real produziert, sondern lediglich abgeschöpft wird. – D. Red.] profitieren, und dem Elend der Gesellschaften an den herrschaftsunterworfenen Rändern, den Peripherien. Dieser Konflikt wird daher zur Hauptachse der Alternative von „Sozialismus oder Barbarei“.

Die Geschichte des „real existierenden“ Kapitalismus ist durchgängig mit aufeinanderfolgenden Formen der Akkumulation durch Enteignung verbunden, nicht etwa nur an ihrem Anfang („ursprüngliche Akkumulation“), sondern auf jeder einzelnen Entwicklungsstufe des kapitalistischen Systems. Einmal fest etabliert, erstrebte dieser „atlantische“ Kapitalismus die Eroberung der ganzen Welt. Und er erschuf diese auf der Grundlage permanenter Enteignung der eroberten Regionen neu, welche im Verlauf des Prozesses zu den herrschaftsunterworfenen Peripherien des Systems wurden.

Die eigentliche Herausforderung lautet daher so: Wird es möglich sein, dass diese Kämpfe dahingehend konvergieren, den Weg – oder die Wege – zu ebnen, auf denen der langwierige Übergang zum Weltsozialismus erreicht werden kann? Oder werden diese Kämpfe voneinander getrennt bleiben, werden sie womöglich sogar aufeinanderprallen und deshalb unwirksam werden, wodurch die Initiative dem Kapital der Oligopole überlassen bliebe?

Die weltweiten Verarmung hat ihre Ursache in der Krise des kapitalistischen Systems

Um dieses zentrale Verhältnis in meinen Analysen zu belegen, erschien es mir am Anfang notwendig, die moderne Geschichte dem Test der Langzeitprüfung zu unterziehen. Es war also notwendig, zu den Anfängen des Kapitalismus zurückzugehen, als der Kapitalismus auf der Basis der Widersprüche ehemaliger Wirtschaftssysteme (ich pflege sie „Bodenertragsgrundsteuer-Systeme“ zu nennen) zu entstehen begann. Damit stehe ich mit wenigen Wirtschaftsexperten allein da, die nicht glauben, dass der Kapitalismus ein „europäisches Wunder“ bzw. eine „europäische Ausnahme“ war. Im Gegensatz zu jenen, die das glauben, behaupte ich nachdrücklich, dass es dieselben Grundwidersprüche in allen Bodenertragsgrundsteuer-Systemen der Vormoderne gegeben hat, und dass durch den Kapitalismus in den nicht-europäischen Ländern eine Überwindung dieser Widersprüche bereits zu Gange war.

Der europäische Kapitalismus war nichts Weiteres als eine der möglichen Reaktionen auf die Notwendigkeit einer allgemeinen Entwicklung. Es ist daher wichtig, die speziellen Eigenschaften dieser Reaktion zu nennen. Ich fasse diese in einem einfachen kurzen Satz zusammen: Akkumulation durch Ausbeutung – nicht nur in der ersten Phase (Primäre oder erste Akkumulation), sondern in all ihren Phasen. Denn dieser „Atlantische Kapitalismus“ begann seit seiner Entstehung, die Welt zu erobern und sie neu zu gestalten auf der Basis der fortdauernden Ausbeutung jener Regionen, die er erobert hat und die zur unterliegenden Peripherie seines Systems wurde.

Dies jedoch hat nichts mit der Vergangenheit zu tun (die man überwunden hat), sondern mit der Gegenwart (und mit der Zukunft, sofern wir uns im Rahmen der Geschichte des Kapitalismus bewegen) sowie mit dem real existierenden Kapitalismus, von dem alle glauben, es gäbe keine Alternative für ihn. Dies bedeutet, dass wir in diesem Rahmen alle Widersprüche des Kapitalismus und die mit ihnen verbundenen Herausforderungen studieren müssen. Wir müssen all dies in Bezug bringen zur zentralen Achse der polarisierenden Globalisierung, die als eine besondere Form der kapitalistischen Globalisierung seit ihrer Entstehung zu betrachten ist, also seit fünfhundert Jahren bis zum heutigen Tag.

Diese Globalisierung ist nichts Neues. Vielleicht kann man sagen, dass sie mit der Besatzung von Nord- und Südamerika und deren Neustrukturierung nach den Erfordernissen der Akkumulation durch Ausbeutung begonnen hat, also im 19. Jahrhundert, um das Jahr 1850.

Trotzdem scheiterte diese siegreiche Globalisierung, sich dauerhaft und sicher durchzusetzen. Denn schon nach nur einem halben Jahrhundert ihres Siegenszuges, der begonnen hatte, als wäre es das „Ende der Geschichte“, war sie durch die Einwirkungen der russischen Revolution und dem siegreichen Kampf um Befreiung der Länder Asiens und Afrikas in ihren Grundmauern erschüttert worden, einem Kampf, der Gegenstand der Geschehnisse des 20. Jahrhunderts war und die erste Welle der Auseinandersetzungen um die Befreiung der Arbeiterklasse und Völker hervorbrachte.

Der historische Kapitalismus mag noch so viele Eigenschaften in sich tragen, er ist jedoch niemals beständig und von Dauer gewesen. Er ist nichts anderes als eine vorübergehende Etappe in der Geschichte. Die Bedrohung der Existenz des Kapitalismus – die die Mehrheit der Linken als nicht möglich oder gar unerwünscht betrachtet – umfasst den Befreiungskampf der Arbeiterklasse (Proletariat als Ganzes, wie ich es zu pflegen sage) und den Kampf der beherrschten Völker (also der Völker in den Peripherien, die 85 % der Menschheit ausmachen). Man kann auch nicht diese beiden Flügeln des Widerstandes voneinander trennen. Denn man kann sich aus der Gefangenschaft des Kapitalismus nicht allein durch den Widerstand des Proletariats als Ganzes befreien, noch allein durch den Befreiungskampf der beherrschten Völker. Der Ausweg aus dem Kapitalismus ist nur möglich, indem auf beiden Ebenen gekämpft und beide Widerstandskämpfe miteinander verknüpft werden und der Erfolg hängt dabei davon ab, wie stark diese Verbindung ist. Es ist nicht sicher, dass diese Verbindung realisiert werden kann; geschieht sie nicht, wäre die Überwindung des Kapitalismus durch den Zerfall der Zivilisation oder gar durch die Ausrottung der Menschheit möglich. Andererseits ist die Realisierung der Verbindung möglich.

Von einer langen Krise zur nächsten

Der Finanzkollaps vom September 2008 hat jene herkömmlichen Wirtschaftswissenschaftler, die eine „fröhliche Globalisierung“ verfochten, vermutlich überrumpelt und einige der Erfinder des liberalen Diskurses, der seit dem „Fall der Berliner Mauer“ Oberwasser hatte, zeitweilig in Verlegenheit gebracht. Dass dieser Vorgang für mich hingegen keineswegs überraschend kam, sondern dass ich mit ihm rechnete (natürlich ohne, wie die Hellseherin Madame Soleil, sein Datum vorherzusagen), liegt ganz einfach daran, dass er für mich folgerichtig in den Ablauf jener langen Krise eines alternden Kapitalismus gehört, die in den 1970er Jahren begann.

Es empfiehlt sich, einen Rückblick auf die erste lange Krise des Kapitalismus zu werfen, die das 20. Jahrhundert prägte. Die Entwicklungsstadien beider Krisen weisen nämlich verblüffende Parallelen auf.

Der im 19. Jahrhundert so erfolgreiche Industriekapitalismus geriet 1873 in eine Krise. Die Profitraten sanken, und zwar aus Gründen, die Marx aufgezeigt hat. Das Kapital reagierte auf doppelte Weise, mit Konzentration und weltweiter Expansion. Die neuen Monopole eigneten sich über die eigenen Gewinne hinaus Zusatzprofite an, die sie von dem durch die Ausbeutung der Arbeit erzeugten massiven Mehrwert abschöpften. Und sie eroberten in aller Welt neue Kolonien. Diese Strukturveränderungen ermöglichten einen neuerlichen Aufschwung der Profite. Sie führten die belle époque der Jahre 1890 bis 1914 herbei, die Periode weltweiter Vorherrschaft des im Besitz der Finanzmonopole befindlichen Kapitals. Die Leitdiskurse jener Zeit priesen die Kolonialisierung als „zivilisatorische Mission“ und setzten Globalisierung mit Weltfrieden gleich, womit sie die Unterstützung der Arbeiterschaft in Gestalt der Sozialdemokratie gewannen.

Doch die von den Ideologen jener Zeit als „Ende der Geschichte“ deklarierte belle époque mündete in den Ersten Weltkrieg, was als einziger Lenin vorhergesagt hatte. Und die nachfolgende Periode, die bis zum Zweiten Weltkrieg und seinen Nachwirkungen anhielt, war ein Zeitalter der „Kriege und Revolutionen“. Die Revolution in Russland (dem „schwächsten Glied“ des Systems) konnte, infolge der Zerschlagung der Hoffnungen auf eine Revolution in Mitteleuropa, isoliert werden, so dass das Kapital der Finanzmonopole 1920 das System der belle époque entgegen aller Wahrscheinlichkeit wiederherstellte; eine von Keynes seinerzeit verurteilte Restauration, die letztlich zum Finanzkrach von 1929 und der darauf – bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs – folgenden Großen Depression führte.

Das „lange 20. Jahrhundert“ (1873-1990) hat daher zwei Gesichter: Es ist zum einen das Jahrhundert der ersten tiefen Systemkrise des alternden Kapitalismus (jenes Kapitalismus der Monopole, den Lenin sogar für das „höchste Stadium des Kapitalismus“ hielt) und zum anderen das Jahrhundert der ersten siegreichen Welle antikapitalistischer Revolutionen (Russland, China) sowie der antiimperialistischen Bewegungen Asiens und Afrikas.

Die zweite Systemkrise des Kapitalismus begann 1971 mit der Aufgabe der Golddeckung des US-Dollars, fast genau ein Jahrhundert nach dem Beginn der ersten. Sowohl Profitraten als auch Investitions- und Wachstumsraten stürzten ab (und erreichten nie wieder die Marken der Zeit von 1945 bis 1975). Das Kapital reagierte auf die Herausforderung ähnlich wie in der früheren Krise auf doppelte Weise, nämlich mit Konzentration und Globalisierung. Es schuf Strukturen, die die zweite belle époque (1990-2008) der Finanzglobalisierung definierten und es oligopolistischen Gruppen erlaubten, ihre Monopolrente abzuschöpfen. Die Begleitmusik dieses Prozesses klang genau wie beim ersten Mal: Der „Markt“ – so der Diskurs – garantiert Wohlstand, Demokratie und Frieden; wir erleben das „Ende der Geschichte“. Und wieder die gleiche Sogwirkung: Diesmal verschrieben sich die europäischen Sozialisten dem neuen Liberalismus. Doch diese neue belle époque ging von Anfang an mit Krieg einher, mit dem 1990 begonnenen Krieg des Nordens gegen den Süden. Und genau wie die erste Finanzglobalisierung zum Großen Krach von 1929 geführt hatte, brachte die zweite die Krise von 2008 hervor. Heute haben wir den kritischen Punkt erreicht, an dem durchaus eine neue Welle von „Kriegen und Revolutionen“ zu gewärtigen ist. Die Wahrscheinlichkeit ist umso größer, als die herrschenden Kräfte nichts anderes ins Auge fassen als die Restauration des Systems, wie es vor dem Finanzkollaps bestand.

Wie sehr diese beiden langen, systemischen Krisen des alternden Kapitalismus einander in ihrem Ablauf gleichen, ist verblüffend. Dessen ungeachtet gibt es Unterschiede von erheblicher politischer Bedeutung.

Die kapitalistische Krise überwinden – oder den Krisenherd, den Kapitalismus selbst?

Hinter der Finanzkrise steckt eine Systemkrise des oligopolistischen Kapitalismus

Der gegenwärtige Kapitalismus ist zuerst und vor allem ein Kapitalismus der Oligopole im wahren Sinne des Wortes (in dem der Kapitalismus es zuvor nur partiell war). Ich will damit sagen, dass die Oligopole und nur sie die Produktion des Wirtschaftssystems in seiner Gesamtheit beherrschen. Sie sind insofern „finanzialisiert“, als nur sie allein Zugang zu den Kapitalmärkten haben. Diese „Finanzialisierung“ verschafft dem Geld- und Finanzmarkt – also ihrem eigenen Markt, auf dem sie miteinander konkurrieren – den Status des dominanten Marktes, der seinerseits die Arbeits- und Warenmärkte formt und beherrscht.

Diese weltweite Dominanz des Finanzmarkts findet ihren Ausdruck auch in einer Transformation der herrschenden bürgerlichen Klasse, die zu einer Rentenabschöpfenden Plutokratie geworden ist. Die Oligarchen sind nicht nur, wie allzu oft angenommen, Russen, sondern viel eher und viel häufiger US-Amerikaner, Europäer und Japaner. Der Niedergang der Demokratie ist das unvermeidliche Ergebnis dieser Machtkonzentration zum alleinigen Nutzen der Oligopole.

Wichtig ist auch, die neue Form kapitalistischer Globalisierung, die dieser Transformation entspricht – zum Unterschied von derjenigen, die die erste belle époque kennzeichnete – genau zu bestimmen. Ich spreche, kurz gefasst, von einem Übergang vom Imperialismus im Plural (also dem Stadium permanenter Auseinandersetzungen der imperialistischen Mächte untereinander) zum kollektiven Imperialismus der Triade (der USA, Europas und Japans).

Die Monopole, die als Reaktion auf die erste Krise der Profitraten aufstiegen, entstanden auf Grundlagen, die die Gewaltsamkeit der Konkurrenz zwischen den wichtigsten imperialistischen Mächten jener Zeit verschärften und den bewaffneten Konflikt herbeiführten, der 1914 begann und über den Frieden von Versailles und dann den Zweiten Weltkrieg bis 1945 andauerte. Giovanni Arrighi, André Gunder Frank, Immanuel Wallerstein und ich selbst haben schon in den 1970er Jahren von einem „dreißigjährigen Krieg“ gesprochen, ein Begriff, den sich seither auch andere zu eigen gemacht haben.

Die zweite Welle oligopolistischer Konzentration, die in den 1970er Jahren begann, bildete sich demgegenüber auf gänzlich anderen Grundlagen, nämlich im Rahmen jenes Systems, das ich als den „kollektiven Imperialismus“ der Triade (USA, Europa, Japan) bezeichnet habe. Bei dieser neuen Form imperialistischer Globalisierung wird die Vorherrschaft der Zentren nicht mehr vermittels des Monopols der Industrieproduktion ausgeübt (wie es zuvor der Fall gewesen war), sondern durch andere Mittel (die Kontrolle der Technologien, der Finanzmärkte, des Zugangs zu den natürlichen Ressourcen des Planeten, des Informations- und Kommunikationswesens, der Massenvernichtungswaffen). Dieses System, das ich auch als „Apartheid im Weltmaßstab“ bezeichnet habe, [Vgl. Samir Amin, Apartheid global. Der neue Imperialismus und der globale Süden, in: „Blätter“, 2/2006, S. 163-169 – D. Red.] impliziert permanenten Krieg gegen die Staaten und Völker der aufsässigen Peripherien, einen Krieg, der schon in den 1990er Jahren mit der Einrichtung eines weltweiten Systems militärischer Kontrolle seitens der USA und der ihnen untergeordneten NATO-Verbündeten begonnen wurde.

Meiner Analyse zufolge ist die „Finanzialisierung“ dieses Systems unauflöslich mit seiner eindeutig oligopolistischen Dimension verknüpft. Wir haben es hier mit einer durch und durch organischen Beziehung zu tun. Doch diese Ansicht wird nicht allgemein geteilt, weder in der umfänglichen Publizistik konventioneller Ökonomen noch in der Mehrzahl der kritischen Schriften zur gegenwärtigen Krise.

Von jetzt an steckt das System insgesamt in Schwierigkeiten

Die Faktenlage ist klar: Der Finanzcrash hat nicht bloß zur „Rezession“, sondern bereits zu einer echten, tiefgreifenden Depression geführt. Doch darüber hinaus sind weitere Dimensionen der Krise dieses Systems, sogar schon vor der Finanzkrise, ins öffentliche Bewusstsein gedrungen. Wir kennen die Etiketten – Energiekrise, Ernährungskrise, Umweltkrise, Klimawandel – und die zahlreichen, so gut wie täglich und oft in außerordentlicher Qualität vorgelegten Analysen dieser anderen Aspekte der Herausforderung, vor der wir heute stehen.

Dennoch bleibe ich dabei, dass diese Art der Auseinandersetzung mit der Systemkrise des Kapitalismus die unterschiedlichen Seiten der Herausforderung zu sehr voneinander trennt. Ich würde deshalb die diversen „Krisen“ genauer als Facetten ein und derselben Herausforderung bestimmen – ebenjenes Systems der kapitalistischen Globalisierung unserer Tage (ob nun liberal oder nicht), die auf dem Prinzip beruht, dass die imperialistische Rente im Weltmaßstab abgeschöpft wird, und zwar zum Vorteil der Plutokratie der in der imperialistischen Triade formierten Oligopole.

Dies ist der ausschlaggebende Grund dafür, dass die eigentliche Schlacht zwischen den Oligopolen einerseits, die die Bedingungen zu schaffen und aufrechtzuerhalten bestrebt sind, welche ihnen die Aneignung der imperialistischen Rente gestatten, und der Gesamtheit ihrer Opfer auf der anderen Seite auszufechten ist – den Arbeitern aller Länder des Nordens wie des Südens und den Völkern der herrschaftsunterworfenen Peripherien, die sich dazu verdammt sehen, jegliche Aussicht auf eine Entwicklung, die diesen Namen verdient, aufzugeben.

Dies zeigt, dass die „Energiekrise“ nicht durch die Knappheit der Ressourcen verursacht wird (das gilt natürlich auch für Erdöl), und auch nicht als erste zerstörerische Folge einer Art der Produktion und des gierigen Konsumierens der heute gängig gebrauchten Energiequellen angesehen werden kann. Diese Beschreibungen treffen zwar alle zu, es sind jedoch nur einfache allgemeine Tatsachen, die allen bekannt sind. Die Krise jedoch entsteht durch den Wunsch der Monopolimperialistengruppe, ihre Vormachtstellung für sich weiter zu garantieren, um die gesamten natürlichen Ressourcen der Erde – seltene oder nicht seltene – für sich zu behalten. Auf diese Weise nimmt sie die imperialistischen Erträge ein, unabhängig davon, ob die Nutzung der Ressourcen weiterhin so bleibt (Verschwendung der Energie) oder ob man neue, richtige umweltpolitische Maßnahmen trifft.

Auch die Lebensmittelkrise ist auf gleiche Weise nicht dadurch entstanden, weil man Bioenergie auf pflanzlicher Basis auf Kosten von Lebensmittel produzierte, auch wenn diese Massenproduktion auf Tatsachen beruht und Schaden anrichtet. Der wirkliche Grund für die Lebensmittelkrise ist die Akkumulation durch die Ausbeutung der Bauern der Welt, deren Bewegung während der „glücklichen Jahre“ sich ausweitete, bis sie zum Erliegen kam, wie wir heute erleben. Diese Ausbeutung der Bauern (in Asien, Afrika und Lateinamerika) ist die Hauptform des Verarmungsprozesses (Verarmung im Sinne von Marx), die mit der Akkumulation zusammenhängt. Diese Ausbeutung steht in unmittelbaren und untrennbaren Zusammenhang mit der Strategie der Monopolisten, alle imperialistischen Erträge zu bekommen, egal, ob die Energie auf der Basis von Lebensmitteln produziert wird oder nicht.

Die Krise des Kapitalismus überwinden – oder den krisenhaften Kapitalismus selbst?

Exiting the crisis of capitalism or capitalism in crisis? – Diese Formel haben André Gunder Frank und ich im Jahre 1974 vorgeschlagen.

Die Analyse der neuen großen Krise, die unserer Meinung nach zu dieser Zeit begonnen hatte, führte uns zu der wichtigen Schlussfolgerung, dass das Kapital auf die neue Herausforderung mit einer neuen Konzentrationswelle reagieren und auf der so geschaffenen Grundlage zu massiven Umgruppierungen übergehen werde. Die nachfolgenden Entwicklungen bestätigten diese Annahme weitgehend. Auf einer von der Zeitschrift „Il Manifesto“ 1974 in Rom veranstalteten Konferenz betitelten wir unseren Beitrag (in Anspielung auf das bei dieser Gelegenheit dem Vergessen entrissenen Buch George Orwells) „Warten wir nicht auf 1984!“ Auf diese Weise forderten wir die radikale Linke seinerzeit auf, sich jeglicher Strategie, dem Kapital durch die Suche nach „Auswegen aus der Krise“ zu Hilfe zu kommen, zu enthalten und sich stattdessen um Strategien mit dem Ziel eines „Ausgangs aus dem in die Krise geratenen Kapitalismus“ zu bemühen.

An dieser Art, die Dinge zu analysieren, habe ich mit einer gewissen Sturheit festgehalten und bereue das keineswegs. Ich habe angeregt, neue Herrschaftsformen der imperialistischen Zentren auf den Begriff zu bringen, die auf der Grundlage neuer Kontrollverfahren das alte Monopol auf ausschließlich industrielle Produktion ersetzten, und der Aufstieg der sogenannten Schwellenländer hat die Notwendigkeit einer solchen Anstrengung bestätigt. Ich habe die neue Globalisierung beschrieben, die als eine „Apartheid im Weltmaßstab“ errichtet wird, das Management des Planeten in militarisierter Form erfordert und so unter neuen Bedingungen die Polarisierung verewigt, die sich von der Expansion des „real existierenden Kapitalismus“ nicht trennen lässt.

Die zweite Welle der Selbstbefreiung des Volkes: eine Neuauflage des 20. Jahrhunderts oder mehr?

Zu einer sozialistischen Perspektive gibt es keine Alternative

Die heutige Welt wird von Oligarchien regiert. Es sind die Finanzoligarchien der USA, Europas und Japans, die nicht nur das Wirtschaftsleben sondern auch Politik und Alltag bestimmen. Desgleichen, als ihr Ebenbild, die russischen Oligarchien, welche der russische Staat zu kontrollieren versucht. Und in China haben wir es mit einer Art statocracies zu tun. In anderen Teilen der Welt fungieren Autokratien (die sich manchmal hinter dem Anschein einer Wahldemokratie „niedriger Intensität“ verbergen) als Bestandteile dieses globalen Systems.

Das Management der gegenwärtigen Globalisierung durch diese Oligarchien steckt in der Krise.

Die Oligarchien des Nordens streben danach, an der Macht zu bleiben, wenn diese Krise erst einmal überstanden ist. Sie fühlen sich nicht ernstlich bedroht. Demgegenüber springt ins Auge, wie zerbrechlich die Machtstellung der Autokratien des Südens ist. Das bestehende Globalisierungsmodell ist deshalb verwundbar. Wird es durch die Revolte im Süden in Frage gestellt werden, wie im vergangenen Jahrhundert geschehen? Wahrscheinlich, aber das wäre kein Grund zur Freude. Die Menschheit wird sich nämlich erst dann auf den Weg zum Sozialismus – der einzig humanen Alternative zum Chaos – begeben, wenn die Macht der Oligarchien, ihrer Verbündeten und ihrer Dienstboten sowohl in den Ländern des Nordens als auch in denjenigen des Südens geschlagen sein wird.

Ist die Wiederinkraftsetzung des Kapitalismus globalisierter Finanz-Oligopole überhaupt möglich?

Der Kapitalismus ist von Natur aus „liberal“, sofern wir unter „Liberalismus“ nicht das hübsche Etikett, sondern die offene und umfassende Vorherrschaft des Kapitals nicht nur über Arbeit und Wirtschaft, sondern über buchstäblich alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens verstehen. „Marktwirtschaft“ (eine vulgäres Synonym für Kapitalismus) kann es ohne eine „Marktgesellschaft“ nicht geben. Das Kapital verfolgt stur und steif dieses eine, einzige Ziel: Geld; Akkumulation um der Akkumulation willen. Marx war das, wie nach ihm anderen kritischen Köpfen, Keynes beispielsweise, vollkommen klar. Nicht so jedoch unseren gängigen Ökonomen, die der Linken eingeschlossen.

Dieses Modell ausschließlicher und umfassender Kapitalherrschaft hatten die herrschenden Klassen während der vorigen langen Krise bis 1945 durchgängig und rücksichtslos praktiziert. Allein der dreifache Sieg der Demokratie, des Sozialismus und der nationalen Befreiungsbewegungen ermöglichte es zwischen 1945 und 1980, dieses immerwährende Idealmodell des Kapitalismus durch die konfliktbehaftete Koexistenz dreier Modelle gesellschaftlicher Regulation zu ersetzen. Damit meine ich den Wohlfahrtsstaat der westlichen Sozialdemokratie, den „real existierenden“ Sozialismus im Osten und die Befreiungsnationalismen des Südens. Der Niedergang und Zusammenbruch dieser drei Modelle wiederum ermöglichte die Rückkehr zur Alleinherrschaft des Kapitals, diesmal charakterisiert als die neoliberale Phase des Kapitalismus.

Diesem neuen „Liberalismus“ habe ich eine Reihe neuartiger Aspekte zugeschrieben, mit denen er sich meines Erachtens die Qualifizierung als „seniler Kapitalismus“ verdient hat. Mein 2001 unter ebendiesem Titel erschienenes Buch dürfte zu den seltenen zeitgenössischen Veröffentlichungen gehören, die den neoliberalen globalisierten Finanzkapitalismus keineswegs als das „Ende der Geschichte“ betrachten. Vielmehr erwies meine Analyse das System des alternden Kapitalismus als instabil, letzten Endes dazu verurteilt zusammenzubrechen, und zwar gerade wegen seiner „Finanzialisierung“ (seiner „Achillesferse“, wie ich seinerzeit schrieb). [Deutsch: Samir Amin, Für ein nicht-amerikanisches 21. Jahrhundert. Der in die Jahre gekommene Kapitalismus, Hamburg 2003 – D. Red.]

Die herkömmlichen Ökonomen haben jede Infragestellung ihrer Dogmen beharrlich überhört, und zwar in einem Maße, das sie unfähig machte, den finanziellen Kollaps von 2008 kommen zu sehen. Auch jene, die in den Medien als „kritisch“ vorgestellt wurden, verdienen diese Bezeichnung kaum. Selbst Joseph Stiglitz glaubt immer noch, das System könne in seinem heutigen Zustand – als globalisierter und „finanzialisierter“ Liberalismus – mit Hilfe einiger Korrekturen repariert werden. Und Amartya Sen predigt moralisches Verhalten, ohne es zu wagen, den „real existierenden“ Kapitalismus so zu erfassen, wie dieser nun einmal notwendigerweise funktioniert.

Die sozialen Katastrophen, zu denen die Durchsetzung des Liberalismus – „der permanenten Utopie des Kapitals“, wie ich seinerzeit schrieb – führen musste, haben allerlei Nostalgien im Hinblick auf die nähere oder weiter zurückliegende Vergangenheit aufblühen lassen. Doch diese und ähnliche Formen der Vergangenheitsverklärung weisen keinen Weg zur Bewältigung der gegenwärtigen Herausforderung, weil sie das Produkt einer Verarmung des kritischen, analytischen Denkens sind, das nach und nach aufgehört hat, die internationalen Widersprüche und Grenzen des nach 1945 entstandenen Systems zu begreifen. Dessen Erosionserscheinungen, Abweichungen und Zusammenbrüche erschienen einem solchen Denken schließlich als unverhoffte, unvorhersehbare Katastrophen.

Doch durch das Brachland hindurch, welches diese Verkümmerung des kritischen, analytischen Denkens entstehen ließ, konnte ein neuer Weg gebahnt werden: indem nämlich die neuen Dimensionen der Systemkrise unserer Zivilisation ins Bewusstsein drangen. Ich spreche von der Ökologiebewegung. Die Grünen, die sich sowohl von den Blauen (den Konservativen und Liberalen) als auch von den Roten (den Sozialisten) radikal unterscheiden wollten, haben sich allerdings in eine Sackgasse manövriert, indem sie es versäumten, die ökologische Dimension mit der erforderlichen Grundsatzkritik am Kapitalismus zu verbinden.

Es waren also alle Voraussetzungen dafür erfüllt, den – zwar ephemeren, aber als „endgültig“ empfundenen – Triumph der „liberalen Demokratie“ sicherzustellen. Eine erbärmliche Geisteshaltung – im Grunde eine Denk-Verweigerung –, die Marx’ Schlüsselargument hinsichtlich des Versagens der bürgerlichen Demokratie ignoriert: Das Nichtwahrhabenwollen des Umstands, dass die Entscheidungen nicht von denjenigen getroffen werden, die ebendiese Entscheidungen betreffen. Jene, die entscheiden und von der durch ihre Verfügung über Besitztümer gestärkten Freiheit profitieren, sind heute die Plutokraten des Oligopol-Kapitalismus – und die Staaten sind ihre Schuldner. Deshalb sind die Arbeiter und die betroffenen Völker zwangsläufig kaum mehr als die Opfer der ersteren. Dennoch mag der liberale Nonsens an einem bestimmten Punkt der Entwicklung, zumindest kurzzeitig, aufgrund der Besonderheiten des nach 1945 entstandenen Systems glaubwürdig erschienen sein. Der elende Zustand der herrschenden Lehre machte es unmöglich, Krisenursachen überhaupt noch zu erkennen und zu begreifen. Deshalb konnte die liberale Demokratie zeitweilig als „das beste aller denkbaren Systeme“ erscheinen.

Die liberale Krise zwingt einem jedoch, eine grundlegende Kritik an den Kapitalismus auszuüben auf der Basis des marxistischen Denkens. Diese Arbeit ist ein Beitrag im Rahmen dieser Bemühungen.

Heute sind die etablierten Kräfte – also ebenjene, die buchstäblich gar nichts vorausgesehen haben – emsig dabei, genau das gleiche System zu restaurieren, aus dem die Krise erwuchs. Der mögliche Erfolg dieses Bemühens wird jedoch ebenso wie derjenige der Konservativen in den 1920er Jahren (den Keynes seinerzeit ohne große Resonanz kritisiert hatte) das Ausmaß der Widersprüche, die dem Finanzkollaps von 2008 zugrunde liegen, nur noch vergrößern. Der letzte Gipfel der G20 (im April 2009 in London) hat absolut nichts zu tun mit der „Neustrukturierung der Welt“. Es ist auch kein Zufall, dass nach dem Gipfel unmittelbar der NATO-Gipfel folgte, die rechte „bewaffnete“ Hand des Imperialismus heute – dass er dies ist, beweist seine verstärkte Militärpräsenz in Afghanistan, denn der andauernde Krieg des Nordens gegen den Süden muss fortbestehen.

Ebenso schwer wiegt die Tatsache, dass Wirtschaftswissenschaftler der „Linken“ sich seit langem die Schlüsselannahmen der Vulgärökonomie zu eigen gemacht und die irrige Vorstellung akzeptiert haben, Märkte seien rational. Diese Ökonomen haben ihre Anstrengungen darauf konzentriert, die Bedingungen der unterstellten Marktrationalität zu definieren, und dabei Marx aufgegeben. Der hatte herausgearbeitet, dass Märkte vom Interessenstandpunkt der Arbeiter und der Völker aus gesehen irrational sind, doch diese Sichtweise galt nunmehr als „obsolet“. Aus einem solchen „linken“ Blickwinkel betrachtet, ist der Kapitalismus flexibel. Wenn man ihn entsprechend zähmt, passt er sich den Erfordernissen des Fortschritts (technologisch, aber sogar auch sozial) an. Diese „linken“ Ökonomen zeigten sich zu der Einsicht, dass die jetzt ausgebrochene Krise unvermeidlich war, weder fähig noch willens. Und sich den Herausforderungen zu stellen, mit denen die Völker im Ergebnis konfrontiert sind, dazu sind diese Leute sogar noch weniger bereit. Wie die anderen Vulgärökonomen auch werden sie versuchen zu reparieren, was zusammengebrochen ist, ohne zu begreifen, dass ein Erfolg nur möglich ist, wenn ein ganz anderer Weg eingeschlagen, wenn Kurs auf eine Überwindung der Logik des Kapitalismus genommen wird. Statt nach Auswegen aus dem Krisenkapitalismus als solchem zu suchen, glauben sie, sie könnten sich aus der Krise des Kapitalismus einfach hinausmogeln.

Einer Zweiten Welle siegreicher Kämpfe für die Emanzipation der Arbeiter und der Völker entgegen

Sind neue Vorstöße in den Kämpfen für die Emanzipation der Völker möglich?

Das politische Management der Weltherrschaft des Oligopol-Kapitals erfolgt notwendigerweise mit äußerster Gewaltsamkeit. Denn um ihren Status als Überflussgesellschaften aufrechtzuerhalten, sehen sich die Länder der imperialistischen Triade fortan gezwungen, den Zugang zu den natürlichen Reichtümern des Planeten derart zu beschränken, dass allein sie diese nutzen können. Dies neue Erfordernis ist die Quelle jener Militarisierung der Globalisierung, die ich an anderer Stelle als „Reich des Chaos“ beschrieben habe (so der Titel eines im Jahr 1991 von mir veröffentlichten Buches), eine Formulierung, die andere seither übernommen haben. [Deutsch: Samir Amin, Das Reich des Chaos. Der neue Vormarsch der Ersten Welt, Hamburg 1992. – D. Red.]

Im Einklang mit dem „Washingtoner Projekt“ der militärischen Kontrolle über den gesamten Planeten und der Führung „präemptiver Kriege“ unter dem Vorwand des „Krieges gegen den Terror“ hat die NATO sich selbst zur „Vertretung der internationalen Gemeinschaft“ erklärt und so die Vereinten Nationen marginalisiert – die einzige Institution, die das Recht hat, in diesem Namen zu sprechen.

Natürlich kann man die beschriebenen wirklichen Ziele nicht offen zugeben. Um sie zu tarnen, haben die betreffenden Mächte sich entschieden, den Demokratie-Diskurs zu instrumentalisieren, und sich selbst ein „Interventionsrecht“ angemaßt, um so „die Respektierung der Menschenrechte“ zu erzwingen!

Gleichzeitig hat die absolute Macht der neuen oligarchischen Plutokratien die Substanz der bürgerlichen Demokratie in der Praxis ausgehöhlt. Früher bedurfte die Reproduktion der Kapitalmacht politischer Aushandlungsprozesse zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen des hegemonialen Blocks. Im Gegensatz dazu hat das durch systematische Entpolitisierung herbeigeführte neue politische Management der Gesellschaft im Oligopol-Kapitalismus eine neue politische Kultur des „Konsenses“ (nach dem Vorbild der USA) entstehen lassen, die den Konsumenten und den politischen Zuschauer an die Stelle des Aktivbürgers treten lässt – letzterer ist jedoch elementare Voraussetzung einer authentischen Demokratie. Dieser „liberale Virus“ (so der Titel eines anderen meiner Bücher) zerstört die Offenheit für mögliche Alternativen der Politik und ersetzt sie durch einen Konsens, der allein um die Einhaltung der prozeduralen Seite einer Wahldemokratie kreist. [Samir Amin, The Liberal Virus. Permanent War and the Americanization of the World, New York 2004. – D. Red.]

Im Niedergang und Zusammenbruch der drei oben erwähnten Gesellschaftsmodelle ist der Ursprung dieses Dramas zu suchen. Das Kapitel der Ersten Welle emanzipatorischer Kämpfe ist nun abgeschlossen, während jenes der Zweiten Welle noch nicht aufgeschlagen wurde. In der dazwischen liegenden Dämmerung erscheinen, wie Gramsci schreibt, die „Ungeheuer“.

Im Norden haben diese Entwicklungen bewirkt, dass der Sinn für eine wahrhaft demokratische Praxis verloren ging. Kaschiert wird dieser Rückschritt durch die Behauptungen des sogenannten postmodernen Diskurses, demzufolge Nationen und Klassen schon von der Bühne abgetreten sind und den politischen Raum dem „Individuum“ überlassen haben. Letzteres ist jetzt, wie es heißt, das tätige Subjekt gesellschaftlicher Umgestaltung.

Im Süden beherrschen andere Selbsttäuschungen die Politik. Etwa die illusorische Annahme einer kapitalistischen Form nationaler und autonomer Entwicklung im Rahmen der Globalisierung, die unter den herrschenden Klassen und den Mittelschichten der Schwellenländer angesichts der dort in den letzten Jahrzehnten erzielten kurzfristigen Erfolge erheblichen Einfluss genießt. Oder die nostalgischen (paraethnischen oder parareligiösen) Vorstellungen einer imaginierten Vergangenheit in jenen Ländern, die von solchen Erfolgen abgeschnitten blieben.

Erschwerend kommt hinzu, dass diese Entwicklungen die allgemeine Akzeptanz der „Konsumideologie“ noch gefestigt haben und Fortschritt heute am mengenmäßigen Zuwachs des Verbrauchs gemessen wird. Schon Marx hatte jedoch nachgewiesen, dass es die Produktionsweise ist, die die Konsumtionsweise bestimmt, und nicht etwa umgekehrt, wie Vulgärökonomen behaupten. Was bei alledem aus dem Blick gerät, ist die Perspektive einer höheren, humanistischen Vernunft, die elementare Voraussetzung des sozialistischen Projekts. Das ungeheure Potential, das der Einsatz von Wissenschaft und Technik der ganzen Menschheit bieten und das sowohl die Individuen als auch die Gesellschaften des Nordens wie des Südens wahrhaft aufblühen lassen könnte, wird aufgrund der Erfordernisse seiner Unterordnung unter die Logik eines unbegrenzten Fortgangs der Kapitalakkumulation vergeudet oder liegt brach. Schlimmer noch, der anhaltende Fortschritt in der gesellschaftlichen Produktivität der Arbeit geht, wie schon Marx erkannt hatte, einher mit einem geradezu atemberaubenden Einsatz von Verelendungspraktiken (die weltweit ins Auge springen, unter anderem im Generalangriff auf die Agrargesellschaften). [Zu letzterem vgl. Samir Amin, Der kapitalistische Genozid, in: „Blätter“, 7/2004, S. 817-824. – D. Red.]

Dass sie der ideologischen Entfremdung erliegen, die der Kapitalismus erzeugt, wirkt sich nicht allein auf die Überflussgesellschaften der imperialistischen Zentren negativ aus. Den Völkern der Peripherien, denen zumeist der Zugang zu annehmbaren Konsumtionsniveaus versperrt ist und die sich von Hoffnungen auf gleiche Lebensstandards wie im reichen Norden blenden lassen, kommt das Bewusstsein abhanden, dass die Logik des Kapitalismus und seiner Geschichte eine Ausweitung dieses Modells auf den ganzen Globus unmöglich macht.

So wird klar, weshalb der Finanzkollaps des Jahres 2008 einzig und allein der Zuspitzung der inneren Widersprüche geschuldet ist, die die Kapitalakkumulation kennzeichnen. Nur die Einschaltung von Kräften, die eine positive Alternative verkörpern, kann den Weg öffnen, auf dem überhaupt erst vorstellbar wird, dem von der Verschärfung der inneren Widersprüche des Systems verursachten Chaos zu entkommen. (In diesem Sinne habe ich dem Denkmodell einer Überwindung des historisch überholten Systems durch dessen immanente „Dekadenz“, das heißt die Eigendynamik seines Niedergangs, den Ansatz des „revolutionären Weges“ gegenübergestellt.) Doch wie die Dinge gegenwärtig stehen, bleiben die sozialen Protestbewegungen ungeachtet ihrer sichtlichen Zunahme insgesamt gesehen unfähig, die mit dem Oligopol-Kapitalismus verbundene Gesellschaftsordnung in Frage zu stellen, weil ein konsistentes politisches Projekt fehlt, das den Herausforderungen gewachsen ist.

Aus diesem Blickwinkel erweist sich die heutige Situation als grundverschieden von derjenigen, die in den 1930er Jahren vorherrschte, als die Kräfte des Sozialismus auf faschistische Parteien prallten und in der sowohl Nazismus als auch New Deal und Volksfronten entstanden.

Die weitere Vertiefung der gegenwärtigen Krise ist unvermeidlich. Das gilt selbst für den nicht auszuschließenden Fall, dass die Wiederherstellung des Systems, in dem der Oligopol-Kapitalismus dominiert, gelingt. In dieser Situation spricht einiges für die Annahme, dass die Kämpfe sich möglicherweise radikalisieren werden, auch wenn enorme Hindernisse zu überwinden bleiben.

In den Ländern der Triade würde eine derartige Radikalisierung implizieren, die Enteignung der Oligopole auf die Tagesordnung zu setzen, was für die absehbare Zukunft ausgeschlossen erscheint. Das heißt aber auch, dass die Annahme, die Stabilität der Gesellschaften der Triade werde – trotz aller durch die Krise verursachten Turbulenzen – nicht in Frage gestellt werden, sich nicht von der Hand weisen lässt. Es besteht die reale Gefahr, dass es zu einer „Neuauflage“ jener Welle von Emanzipationskämpfen kommt, wie sie sich im 20. Jahrhundert ereigneten, das heißt eine Infragestellung des Systems ausschließlich an einigen seiner Ränder.

Auf der Tagesordnung steht jetzt, dass „das Erwachen des Südens“ (wiederum der Titel eines meiner Bücher, das die Bandung-Periode als das erste Stadium dieses Erwachens interpretiert) in ein zweites Stadium eintritt. [Samir Amin, L’éveil du Sud: L’ère de Bandoung 1955-1980. Panorama politique et personnel de l’époque, Paris 2008. – D. Red.] Im günstigsten Fall könnten die unter solchen Umständen erzielten Fortschritte den Imperialismus zwingen, zurückzuweichen und sein irrsinniges, geradezu kriminelles Projekt aufzugeben, die ganze Welt militärisch kontrollieren zu wollen. Falls es dazu käme, könnte die demokratische Bewegung in den Ländern des Zentrums einen positiven Beitrag zum Erfolg dieser Neutralisierungsstrategie leisten. Darüber hinaus könnte der Verfall der die betreffenden Gesellschaften begünstigenden imperialistischen Rente, seinerseits ein Resultat der Umbildung der internationalen Gleichgewichte zugunsten des Südens (besonders Chinas), das Erwachen eines sozialistischen Bewusstseins fördern. Andererseits könnte es sein, dass die Gesellschaften des Südens sich dennoch weiterhin den gleichen Herausforderungen wie früher gegenübersehen, also einer Situation, die ihrem Fortkommen die bekannten Beschränkungen auferlegen würde.

Schließlich ist dieses sich immerfort wiederholende Szenario unfähig, die Menschheit einen Schritt auf dem langen Weg in Richtung Weltsozialismus zu führen. Denn, eine der Voraussetzungen für die notwenige Aufgabe, um dieses Ziel möglich zu machen, ist die kreative Erneuerung des marxistischen Denkens.

Ich beende daher meinen Vortrag mit einem Zitat von Gramsci:

„Ich bin Pessimist aufgrund der Einsicht, aber Optimist auf Grund des Willens“.

[Die Übersetzung dieser Rede wurde freundlicherweise von den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ übernommen. Sie erscheint in „Blättern für deutsche und internationale Politik“, Heft 1/2010.]

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