Mahmoud Darwish anlässlich des 53. Jahrestages der Nakba, der Niederlage im arabisch-israelischen Krieg

العربية

Mahmoud Darwish

Anläßlich des 53. Jahrestages der Gründung Israels, die am 15. Mai 1948 ausgerufen wurde und schwerwiegende Folgen für das palästinensische Volk hat, die in der arabischen Literatur als Nakba (Katastrophe) bezeichnet werden, hat der bedeutendste palästinensische Dichter Mahmoud Darwisch folgende Erklärung an die Weltöffentlichkeit gerichtet: 


„ Heute ist der größte Jahrestag. Wir schauen nicht zurück, um die Einzelheiten eines Verbrechens zu rekonstruieren, da die Gegenwart dieser Nakba alle Aspekte des Lebens nach wie vor berühren. Wir brauchen keine Anstrengungen zu unternehmen, die uns an unsere nun seit 53 Jahren kontinuierliche menschliche Tragödie erinnern: Wir leben sie im Hier und Jetzt und leisten Widerstand gegen ihre Konsequenzen auf dem Boden unserer Heimat, denn eine andere Heimat haben wir nicht.

Wir werden niemals vergessen, was mit uns auf diesem Boden geschah und geschieht, nicht, weil das kollektive und individuelle Gedächtnis fruchtbar und in der Lage ist, unsere traurige Geschichte erneut zu erzählen, sondern, weil diese Geschichte des Bodens , des Volkes, der Tragödie und des heldenhaften Widerstands im Zuge des offenen Kampfes um dessen, was wir sein sollen, und was wir sein wollen, immer noch blutig ist.

Wenn die Israelis, die Produzenten dieser Katastrophe, anläßlich des 53. Jahrestags erklären, daß der Krieg des Jahres 1948 noch nicht zu Ende sei, dann entlarven sie damit nur die Fata Morgana ihres Friedens, der in der vergangenen Dekade sichtbar wurde und die Möglichkeit in Aussicht stellte, den Konflikt durch die Teilung des Landes beizulegen. Sie machen vor allem 
damit deutlich, wie schwierig es ist, das zionistische Projekt und den Frieden mit einander zu vereinbaren, da die Zerschlagung des palästinensischen Volkes weiterhin auf der Tagesordnung dieses Projektes steht.

Die Bedeutung dieses Krieges und seiner Ziele, wie sie von den Palästinensern begriffen werden, drücken sich darin aus, sie zu einem Gegenstand einer gewaltigen Abstimmung zu degradieren, sie in der Diaspora und in ihrem Land zu Flüchtlingen zu machen; Mit diesem Krieg wird der Versuch unternommen, die Palästinenser an den Rand der realen Welt zu verdrängen und zu entwurzeln. Nach der Okkupation ihrer Heimat und Geschichte zielt dieser Krieg darauf ab, die Palästinenser zu überflüssigen Geistern zu verwandeln, die außerhalb der Zeit und ihrer Heimat vertrieben werden sollen.

Die Produzenten der Katastrophe haben es jedoch – trotz der Vertreibung, Massaker und Verfälschung der Geschichte – nicht geschafft, den Willen des palästinensischen Volkes zu brechen und seine nationale Identität zu verdecken; Sie haben es nicht geschafft, uns während der vergangenen fünf Dekaden zu Abwesenden zu machen und uns aus dem Gedächtnis zu vertreiben; Sie haben es nicht geschafft – weder mit der Verbreitung (historischen) 
Aberglaubens, noch mit der Fabrikation einer angeblichen moralischen Immunität, welche den gestrigen Opfern das Recht gewähren sollte, ihre eigenen Opfern zu produzieren – die palästinensische Wahrheit aus dem internationalen Bewußtsein zu verdrängen. Es gibt keinen heiligen Unterdrücker.

Heute begehen wir den Jahrestag der Nakba zu einer Zeit, in der die Palästinenser, nachdem sie die Erfordernisse der internationalen Legitimität für die Herbeiführung eines Friedens ermöglichten, das Menschliche in ihrer Existenz, ihr natürliches Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung in einem Teil ihrer historischen Heimat verteidigen. Als die Stunde der Wahrheit nahte, wurde das wirkliche Wesen des Friedens deutlich, wie er aus 
israelischer Sicht verstanden wird: Fortsetzung der Besatzung unter einem anderen Namen, zu besseren Bedingungen und geringeren Kosten.

Die Intifada, gestern, heute und morgen, ist der natürliche und legitime Ausdruck des Widerstandes gegen die Sklaverei, die durch eine Besatzung verkörpert wird, welche durch die häßlichsten Formen der Apartheid gekennzeichnet ist; Diese Besatzung bemüht sich unter dem Deckmantel des scheinheiligen Friedensprozesses darum, den Boden der Palästinenser zu 
konfiszieren und ihre Einkommensquellen abzutrocknen. Die israelische Okkupation zielt darauf ab, die Palästinenser in demographisch isolierten und von israelischen Siedlungen umzingelten und durch Umgehungsstrassen eingekreisten Gebieten vegetieren zu lassen. Erst nachdem sie ihre Bereitschaft erklären würden, damit einverstanden zu sein, „ dem Konflikt 
und ihren Forderungen ein Ende zu setzen“, würde ihnen gestattet sein, ihre großen 
Käfige als Staat zu bezeichnen.

Die Intifada ist in ihrem Wesen eine zivile Protestbewegung des Volkes, die keinen Bruch mit der Idee des Friedens darstellt und vielmehr sich darum bemüht, sie von der Dunkelheit des Rassismus zu retten und sie zu ihren einzigen legitimen Eltern zurückzuführen: der Gerechtigkeit und der Freiheit; Es soll verhindert werden, das kolonialistische israelische 
Projekt am Westufer und im Gazastreifen unter dem Deckmantel des Friedens 
fortzusetzen – eines Friedens, den die israelischen Führer seinen Inhalt geraubt haben.

Unsere verwundeten Hände können immer noch den vertrockneten Olivenzweig tragen und aus den Trümmern der von der Besatzung gefällten Bäume hervortreten, wenn die Israelis die reife Altersgrenze erreichen würden, die ihnen gestattet , unsere legitimen nationalen Rechte anzuerkennen, wie sie von der internationalen Gemeinschaft definiert sind; Dabei geht es vor allem um das Recht auf Rückkehr, den vollständigen Rückzug aus den 1967 besetzten 
palästinensischen Gebieten, das Selbstbestimmungsrecht in einem unabhängigen, souveränen Staat mit Jerusalem als Hauptstadt, denn es kann keinen Frieden mit der Besatzung und keinen Frieden zwischen Herren und Sklaven geben.

Die internationale Gemeinschaft kann nicht – wie es im Jahr der Nakba geschah – weiterhin die Augen vor den Untaten in Palästina verschließen, da die israelische Aggression weiterhin fortfährt, die palästinensische Gesellschaft zu zerstören und abzuriegeln, zu morden und Attentate zu verüben mit allen ihr zur Verfügung stehenden Kriegsausrüstungen gegen ein 
unbewaffnetes Volk, das seine bedrohte Existenz, die verbliebenen Trümmern seiner Häuser und Bäume verteidigt, die mehr und mehr von israelischen Bulldozern entwurzelt werden.

Der erklärte Krieg gegen das palästinensische Volk erregt das Interesse der Welt, da dieser Krieg auch ein Ausdruck eines Konflikts widersprüchlicher internationaler Werte ist: Es handelt sich um eine Auseinandersetzung zwischen Kräften, die das Ziel verfolgen, die Aktivitäten des traditionellen Zionismus mit seiner kolonialistischen Tendenz und seinem Apartheidssystem 
mit neuen Parolen zu beleben, und den anderen Kräften, die darauf beharren, sich in erster Linie für das Recht und die Gerechtigkeit in dieser Region der Welt einzusetzen.

Deshalb interessieren sich die Staaten und die Völker dieser Welt für den Konflikt in Palästina und unterstützen das palästinensische Volk, das die vertrauten Bedingungen des Alltags entbehrt. Diese Weltgemeinschaft bekräftigt die Notwendigkeit der politischen Stabilität im Nahen Osten im Einklang mit ihren eigenen Interessen. Dabei geht es außerdem um eine Prüfung für die moralische Haltung, denn die Werte der Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit sowie die Priorität und Aufrichtigkeit dieser Werte im Leben und Kultur dieser Völker stehen auf dem Prüfstand.

Die Einmischung der internationalen Gemeinschaft zwecks Verteidigung der Palästinenser vor dem Terror und der Gewalt, die vom israelischen System ausgeübt werden, das sich über das Völkerrecht erhebt, ist mehr denn je eine dringliche Notwendigkeit geworden ; Hierbei geht es nicht nur um die Wiedergutmachung bisheriger Vergehen, sondern um die Vermeidung zusätzlicher Verbrechen und die Hinzufügung eines neuen Kapitels im Register der Nakba. Israel weigert sich die Verantwortung für die Nakba und die Tragödie der Flüchtlinge zu übernehmen, wie die Prinzipien einer politischen Regelung es erfordern; Im Gegenteil, Israel bemüht sich, das Register der Nakba zu erweitern und zursprünglichen Kultur und Arena der Konfrontation zurückzukehren. Wir werden daran erinnert, daß die Geschichte nicht mit ihrem 
Ende beginnt.

Wir haben nichts vergessen: den Anfang, die Schlüssel unserer Häuser, die Laternen des Weges, die ihr Licht von unserem vergossenen Blut erhielten, unsere Märtyrer, welche die Einheit unserer Heimat, des Volkes und der Geschichte befruchteten. Wir haben die Lebenden nicht vergessen, die auf dem Weg geboren wurden, der zur Heimat der Seele führt, solange die Seele der Heimat in uns lebendig ist.

Wir vergessen nicht die Vergangenheit und nicht die Zukunft, die jetzt beginnt, da wir darauf bestehen, auf dem Weg der Freiheit und des Widerstandes fortzuschreiten, bis die ewigen Zwillinge, die Freiheit und der Frieden, zusammenkommen“.
 

Aus: ALHAYAT , 08.05.2001
Übersetzer: Hakam Abdel-Hadi

Social media & sharing icons powered by UltimatelySocial